Ein Ort, wo Eltern mit ihren Sorgen nicht alleine bleiben

Als die Mutter von Leon* zum ersten Mal die Tür zur Interdisziplinären Frühförderung in Grevenbroich öffnet, ist sie unsicher. Leon ist fast vier Jahre alt, spricht kaum, hat häufig Konflikte mit anderen Kindern und wirkt oft wie „in seiner eigenen Welt“. In der Kita wurde sie darauf angesprochen, dass er sich wenig an Gruppensituationen beteiligt. „Vielleicht wächst sich das noch aus“, hat sie oft gehört. Doch das ungute Gefühl blieb. Solche Geschichten stehen am Anfang vieler Förderverläufe – und sie sind seit zehn Jahren Teil des Alltags der Interdisziplinären Frühförderung der Lebenshilfe Rhein-Kreis Neuss in Grevenbroich.

Das Angebot begleitet Kinder von der Geburt bis zur Einschulung, die in ihrer Entwicklung Unterstützung brauchen. „Manche zeigen früh motorische Auffälligkeiten, andere haben Schwierigkeiten mit Sprache, Aufmerksamkeit oder sozialem Kontakt. Wieder andere sind sehr unruhig, reagieren impulsiv oder ziehen sich stark zurück“ beschreibt Karin Rees, Rehabilitationspädagogin und Leiterin der Einrichtung, die Kinder in der Förderung. Häufig handelt es sich um Entwicklungsverzögerungen, manchmal um genetische Besonderheiten wie beim Down-Syndrom, manchmal auch um einen frühen Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung.

Was all die Kinder in der Begleitung der Frühförderung verbindet, ist nicht eine Diagnose, sondern die Erfahrung, dass ihnen der Alltag – in der Familie, in der Kita, im Zusammensein mit anderen – mehr abverlangt als Gleichaltrigen.

In der Frühförderung begegnet den Familien ein multiprofessionelles Team: Heilpädagoginnen, Sozialpädagoginnen, Kindheitspädagoginnen eine Ergotherapeutin, eine Physiotherapeutin und eine Logopädin sowie eine Kinderärztin und eine Psychologin arbeiten eng zusammen. Sie beobachten, hören zu, spielen, testen, begleiten. „Gemeinsam mit den Familien versuchen wir zu verstehen, was das Kind braucht, wo seine Stärken liegen und wie wir seine Entwicklung unterstützen können, ohne zu überfordern“, erklärt Karin Rees.

Dass das Team der Frühförderung der Lebenshilfe in den vergangenen Jahren gewachsen ist, liegt an der stetig steigenden Nachfrage. Aktuell werden rund 70 Kinder begleitet – jedes mit seiner eigenen Geschichte, seinem eigenen Tempo.

Ein wichtiger Baustein der Arbeit ist die enge Vernetzung im Kinder- und Jugendbereich. „Besonders wertvoll ist, dass wir als Teil des trägerinternen Zentrums für Förderung und Bildung von Kindern und Jugendlichen, Familien unterschiedliche Angebote untern einem Dach anbieten können:  Neben unserer Frühförderung gibt es eine inklusive Kindertagesstätte mit Familienzentrum sowie die Offenen Hilfen mit den Angeboten der Autismus-Therapie und dem Familienunterstützenden Dienst“, erklärt Karin Rees. Ebenso ist die Frühförderung Teil des Netzwerks Frühe Hilfen der Stadt Grevenbroich, das Angebote zur präventiven Stärkung und Unterstützung von werdenden Eltern und Eltern mit Kleinkindern in den ersten Lebensjahren bereitstellt. Auch Kooperationen mit dem Caritasverband und dem Sozialpädiatrischen Zentrum Mönchengladbach bestehen. 

Die Förderung selbst ist vielfältig. In den Räumen wird geklettert, balanciert, sortiert, gesprochen und ausprobiert. Sensomotorische Materialien helfen dabei, den eigenen Körper besser wahrzunehmen, Bewegungsangebote fördern Koordination und Selbstvertrauen, spielerische Aufgaben regen Sprache und Denken an. Manche Kinder kommen einzeln, andere erleben sich erstmals bewusst in einer kleinen Gruppe.

„Seit einem Jahr haben wir eine feste Vorschulgruppe eingerichtet, die sich an Kinder richtet, für die der Übergang in die Schule besonders herausfordernd ist“, sagt Karin Rees. Hier gehe es nicht nur um Zahlen, Buchstaben und Stifte, sondern auch um Zuhören, Warten, Dranbleiben – Fähigkeiten, die im Schulalltag entscheidend sind, für manche Kinder aber schwer erreichbar blieben, so die Leiterin der Einrichtung.

Ein weiteres Angebot widmet sich der sozial-emotionalen Entwicklung. In kleinen Gruppen lernen Kinder ab etwa vier oder fünf Jahren, Gefühle zu erkennen und zu benennen: Wut, Angst, Freude, Traurigkeit. Sie lernen, dass Gefühle erlaubt sind – und dass es Wege gibt, mit ihnen umzugehen.

Ebenso wichtig wie die Arbeit mit den Kindern ist die Begleitung der Eltern. Gespräche bieten Raum für Fragen, Sorgen und manchmal auch für Trauer. Eine Diagnose anzunehmen, braucht Zeit. Oft geht es auch darum, Orientierung zu geben: Welche Unterstützung gibt es noch? Welche Schritte sind sinnvoll? Welche Angebote können entlasten? „Glücklicherweise können wir auch hier auf unser eigenes Netzwerk und die Angebote unserer Offenen Hilfen verweisen, die auch über die Förderung hinaus Unterstützung und Beratung für Familien leisten“, erklärt Karin Rees. 

Der Weg in die Frühförderung beginnt häufig mit einem Hinweis aus der Kita oder einer eigenen Beobachtung der Eltern. Nach einem Gespräch mit dem behandelnden Kinderarzt, der ein Rezept für eine Diagnostik ausstellt, folgt eine umfassende Eingangsdiagnostik in der interdisziplinären Frühförderstelle. Auf dieser Grundlage wird gemeinsam entschieden, ob und welche Förderung sinnvoll ist. Die Kosten übernehmen der Landschaftsverband Rheinland und die Krankenkassen.

Für Leon und seine Mutter war es der richtige Schritt. Heute zeigt Leon Interesse an seiner Umwelt, kann seine Bedürfnisse kommunizieren und geht gerne in die Kita. „Es ist so toll, mit anzusehen, wie er sich entwickelt hat“, sagt Leons Mutter glücklich. Beide sind traurig, nun zum Schulbeginn die Frühförderung verlassen zu müssen. Es sind kleine Schritte – aber sie verändern den Alltag. „Das hat uns als Eltern wahnsinnig geholfen und Sorgen nehmen können“, beschreibt die Mutter.

Zehn Jahre nach ihrem Start ist die Interdisziplinäre Frühförderung in Grevenbroich für viele Familien genau das: Ein Ort, an dem man mit Sorgen nicht allein bleibt, an dem Entwicklung Zeit haben darf und an dem gemeinsam gefördert und gelernt wird. 

*Name geändert